Prävention ist für mich einer der wichtigsten Grundpfeiler moderner Gesundheit. Dabei geht es nicht nur darum, Krankheiten zu vermeiden. Gute Prävention bedeutet für mich vor allem, körperliche Leistungsfähigkeit, Beweglichkeit und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.

Herr Herdemerten, was bedeutet Prävention für Sie persönlich und für Ihr Unternehmen Orthosport Leichlingen?

Prävention bedeutet für mich vor allem, möglichst früh anzusetzen. Wir warten in unserem Gesundheitssystem häufig, bis Beschwerden bereits vorhanden sind. Dabei können wir durch Bewegung, Krafttraining, eine vernünftige Ernährung und einen insgesamt gesünderen Lebensstil schon vorher unglaublich viel beeinflussen.

Dass hier Handlungsbedarf besteht, zeigen die Zahlen sehr deutlich. Nach den aktuell vom Robert Koch-Institut ausgewiesenen Daten sind in Deutschland 53,5 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, einschließlich Adipositas; 19 Prozent gelten als adipös. Wichtig ist dabei: Diese aktuell ausgewiesenen RKI-Zahlen beruhen auf den Erhebungsdaten von 2019.

Für mich geht Prävention aber weit über das Körpergewicht hinaus. Es geht auch um Muskelkraft, Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit, Beweglichkeit, Koordination und darum, im Alter möglichst lange selbstständig zu bleiben.

Genau darin sehe ich auch die Aufgabe von Orthosport. Wir möchten Menschen nicht dauerhaft von einem Trainer abhängig machen, sondern ihnen erklären, warum sie etwas tun und wie sie selbst Einfluss auf ihre Gesundheit nehmen können. Gesundheit entsteht eben nicht durch eine einzelne Anwendung, sondern durch das, was wir über Jahre regelmäßig tun.

Wie erleben Sie aktuell die Entwicklung im Bereich Präventionsmedizin und Gesundheitsförderung?

Ich erlebe grundsätzlich eine positive Entwicklung, gleichzeitig sehe ich noch sehr viel Luft nach oben. Das Interesse an Gesundheit, Training, Ernährung und Selbstoptimierung ist enorm gestiegen. Heute beschäftigen sich auch Menschen mit diesen Themen, die vor zehn oder zwanzig Jahren wahrscheinlich noch keinen Gedanken daran verschwendet hätten.

Auf der anderen Seite zeigen die Gesundheitsdaten, dass Wissen allein offenbar nicht reicht. Weltweit erreichen laut WHO rund 31 Prozent der Erwachsenen nicht einmal die empfohlenen Mindestwerte für körperliche Aktivität. Die WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche.

Das ist für mich einer der entscheidenden Punkte der nächsten Jahre: Wir brauchen nicht noch mehr Informationen, sondern bessere Wege, Menschen tatsächlich ins Handeln zu bekommen.

Dabei sehe ich moderne Diagnostik und digitale Möglichkeiten durchaus positiv. Daten können motivieren und Entwicklungen sichtbar machen. Aber am Ende ersetzt kein Wearable, keine App und kein Gesundheitstracker die regelmäßige Bewegung. Technik sollte uns dabei helfen, gesund zu leben – und nicht zum Selbstzweck werden.

Welchen Stellenwert nimmt die betriebliche Gesundheitsförderung bei Ihnen ein – und mit welchen Methoden arbeiten Sie?

Die betriebliche Gesundheitsförderung halte ich für enorm wichtig, weil wir einen erheblichen Teil unseres Lebens am Arbeitsplatz verbringen. Gleichzeitig entstehen dort viele Belastungen: langes Sitzen, einseitige Bewegungen, schweres Heben, Zeitdruck, Stress oder schlicht zu wenig Bewegung.

Auch wirtschaftlich ist das Thema relevant. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kommt für 2024 auf durchschnittlich 20,8 Arbeitsunfähigkeitstage pro Arbeitnehmende Person. Insgesamt waren es rund 881,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage. Die daraus geschätzten Produktionsausfälle lagen bei 134 Milliarden Euro, der Ausfall an Bruttowertschöpfung sogar bei 227 Milliarden Euro.

Deshalb sollte betriebliche Gesundheitsförderung aus meiner Sicht nicht aus einem einmaligen Obstkorb oder einem Gesundheitstag bestehen. Wir arbeiten lieber praxisbezogen: mit Gesundheitschecks, Bewegungs- und Rückenprogrammen, Ergonomie, Ernährung, Trainingsberatung und Workshops, bei denen die Mitarbeiter auch verstehen, warum bestimmte Verhaltensweisen langfristig problematisch oder sinnvoll sind.

Das Ziel ist immer, Maßnahmen zu entwickeln, die sich tatsächlich in den Arbeitsalltag übertragen lassen.

Wie sieht ein typischer Ablauf aus, wenn sich jemand für Präventionsmaßnahmen bei Ihnen interessiert?

Bei uns steht am Anfang immer der Mensch und nicht das Trainingsgerät. Deshalb führen wir zunächst ein ausführliches Gespräch. Was möchte die Person erreichen? Welche Beschwerden gibt es? Welche Vorerfahrungen bestehen? Wie sieht der Alltag aus? Und vor allem: Was ist realistisch dauerhaft umsetzbar?

Anschließend können je nach Ziel verschiedene Tests und diagnostische Verfahren sinnvoll sein. Dabei geht es beispielsweise um Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer, Gleichgewicht oder Körperzusammensetzung. Daraus entsteht ein individueller Trainings- beziehungsweise Präventionsplan.

Besonders wichtig ist mir aber die langfristige Begleitung. Einen perfekten Trainingsplan zu schreiben, den anschließend niemand umsetzt, bringt wenig. Deshalb kontrollieren wir die Entwicklung, passen Belastungen an und erklären unseren Kunden auch die Grundlagen des Trainings.

Prävention funktioniert meiner Erfahrung nach am besten, wenn Menschen verstehen, was sie tun, warum sie es tun und welchen Fortschritt sie damit erreichen können.

Einen sehr positiven Trend sehe ich darin, dass Gesundheit zunehmend ganzheitlicher betrachtet wird. Rückenbeschwerden beispielsweise entstehen nicht zwangsläufig nur deshalb, weil irgendwo ein Muskel verspannt ist. Bewegung, Kraft, Körpergewicht, Schlaf, Stress, Regeneration, berufliche Belastung und viele weitere Faktoren können zusammenspielen.

Gleichzeitig sehe ich einen stärkeren Fokus auf aktive Maßnahmen. Das halte ich für wichtig. Passive Anwendungen können sinnvoll sein, aber langfristig sollte das Ziel möglichst häufig sein, den Menschen wieder selbst belastbarer zu machen.

Gerade beim Älterwerden wird das deutlich. Rund 30 Prozent der zu Hause lebenden Menschen über 65 Jahre stürzen mindestens einmal pro Jahr. Bei etwa fünf bis zehn Prozent der Stürze kommt es zu Verletzungen wie Knochenbrüchen, Platzwunden oder Kopfverletzungen.

Training ist deshalb im Alter kein Luxus. Eine große Cochrane-Auswertung randomisierter Studien zeigt beispielsweise, dass gezielte Trainingsprogramme die Anzahl von Stürzen bei älteren Menschen um rund 23 Prozent reduzieren können. Besonders wirksam sind Programme, die Gleichgewicht und funktionelle Fähigkeiten trainieren und diese mit weiteren Trainingsformen wie Krafttraining kombinieren.

Für mich ist deshalb eine der wichtigsten Entwicklungen: weg von der Vorstellung „Ich werde behandelt“ und stärker hin zu „Ich kann selbst etwas tun“.

Sie bieten auch spezielle Programme für Unternehmen an: Was sind die Vorteile der Zusammenarbeit mit Orthosport Leichlingen?

Der große Vorteil ist aus meiner Sicht, dass wir sehr praxisorientiert arbeiten. Ich möchte Mitarbeitern nicht zwei Stunden lang erzählen, dass Bewegung wichtig ist – das wissen die meisten ohnehin. Die entscheidende Frage ist: Wie bekommt man sie dazu, das Wissen im Alltag auch anzuwenden?

Deshalb verbinden wir Theorie und Praxis. Wir beschäftigen uns beispielsweise mit Rücken und Nacken, Ergonomie, Bewegung, Ernährung und Motivation und versuchen immer, konkrete Lösungen für den jeweiligen Arbeitsplatz zu entwickeln.

Dabei können zwei Mitarbeiter im selben Unternehmen völlig unterschiedliche Probleme haben. Der eine sitzt acht Stunden am Schreibtisch, der nächste arbeitet körperlich schwer und ein anderer hat vielleicht weniger ein Bewegungsproblem als ein Regenerations- oder Gewichtsproblem.

Eine gute betriebliche Gesundheitsförderung muss deshalb aus meiner Sicht mehr können als Standardprogramme abzuspulen. Sie muss verstehen, welche Menschen in diesem Unternehmen arbeiten und welchen Belastungen sie tatsächlich ausgesetzt sind.

Wie individuell sind Ihre Präventionskonzepte?

Sehr individuell. Natürlich gibt es trainingswissenschaftliche Grundlagen, die für jeden Menschen gelten. Muskeln benötigen einen ausreichend starken Trainingsreiz, der Körper benötigt Erholung und Belastungen müssen im Laufe der Zeit angepasst werden.

Aber Menschen sind keine Maschinen mit identischer Bedienungsanleitung.

Alter, Leistungsfähigkeit, Vorerkrankungen, Beschwerden, berufliche Belastung, Trainingserfahrung, Stress, Schlaf und nicht zuletzt die persönliche Motivation unterscheiden sich teilweise enorm. Deshalb halte ich wenig davon, jedem Menschen denselben Standardplan in die Hand zu drücken.

Mein Ziel ist immer, eine Lösung zu entwickeln, die nicht nur theoretisch optimal wäre, sondern im wirklichen Leben des jeweiligen Menschen funktioniert. Denn das beste Gesundheitsprogramm der Welt bringt nichts, wenn es nach drei Wochen wieder aufgegeben wird.

Was motiviert Sie täglich in Ihrer Arbeit als Trainer, Gesundheitsmanager und Unternehmer?

Mich motiviert vor allem, wenn ich sehe, was Training über Jahre bewirken kann. Wenn jemand wieder besser laufen kann, weniger Angst vor Belastung hat, stärker wird oder Dinge im Alltag wieder schafft, die vorher schwierig waren, dann ist das für mich mehr wert als irgendeine kurzfristige Leistungszahl.

Gerade nach vielen Jahren Berufserfahrung merkt man, dass Gesundheit häufig erst dann wirklich wertgeschätzt wird, wenn sie eingeschränkt ist. Genau deshalb finde ich Prävention so spannend: Im besten Fall verhindern wir Entwicklungen, deren Folgen der Mensch vielleicht erst zehn oder zwanzig Jahre später bemerkt hätte.

Ein gutes Beispiel sind Stürze im Alter. In Deutschland wurden allein im Jahr 2024 21.176 Todesfälle infolge von Stürzen registriert. Hüftnahe Frakturen treten bei Menschen über 65 ebenfalls häufig auf; in Deutschland erleiden jährlich etwa 6 bis 9 von 1.000 Menschen dieser Altersgruppe eine solche Fraktur. Nur etwa die Hälfte der älteren Betroffenen kann danach wieder ohne Unterstützung gehen, rund ein Fünftel wird langfristig pflegebedürftig.

Wenn man solche Zahlen kennt, bekommt Kraft-, Gleichgewichts- und Mobilitätstraining plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Es geht dann nicht mehr darum, im Fitnessstudio besonders sportlich auszusehen. Es geht darum, Lebensqualität und Selbstständigkeit zu erhalten.

Und genau das motiviert mich an meiner Arbeit.

Haben Sie einen Gesundheitstipp für unsere Leserinnen und Leser?

Ja: Machen Sie Gesundheit nicht komplizierter, als sie sein muss.

Wir erleben gerade eine Zeit, in der Gesundheit teilweise unglaublich kompliziert dargestellt wird. Supplements, Wearables, spezielle Ernährungskonzepte, Biohacking und immer neue Methoden können interessant sein – aber die Grundlagen bleiben erstaunlich unspektakulär.

Bewegen Sie sich regelmäßig. Trainieren Sie Ihre Muskulatur. Fordern Sie Ihr Herz-Kreislauf-System. Achten Sie auf Ihr Körpergewicht und Ihre Ernährung. Schlafen Sie ausreichend. Und vor allem: Warten Sie nicht darauf, dass Beschwerden entstehen, bevor Sie anfangen.

Die WHO weist darauf hin, dass regelmäßige körperliche Aktivität unter anderem zur Prävention und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und verschiedenen Krebserkrankungen beiträgt und zusätzlich positive Wirkungen auf psychische Gesundheit und Wohlbefinden hat.

Für mich ist dabei Regelmäßigkeit wichtiger als Perfektion. Zweimal pro Woche sinnvoll zu trainieren und das zehn Jahre lang durchzuhalten, ist für die Gesundheit wesentlich wertvoller, als jedes Jahr im Januar vier Wochen lang Vollgas zu geben.

Prävention beginnt deshalb nicht irgendwann. Sie beginnt mit der nächsten Entscheidung, die ich für meine Gesundheit treffe.